Wann sollte Strafmündigkeit beginnen?

  • Die BZ diskutiert heute ausführlich, ob Strafmündigkeit mit 14 weiter bestehen sollte. Die niedersächsische Regierung wird darüber beraten angesichts des Mordes in Salzgitter mutmaßlich durch ein 13- und einen 14-Jährigen. In den meisten europäischen Ländern ist es der Beginn des 15. Lebensjahres. Auf den britischen Inseln ist es 12 und in besonders schweren Fällen 10 Jahre laut Presse.


    In christlichen Kreisen wurde in der Region lange von 9 Jahren geredet, davor könne ein Kind keine Schuld erkennen. Dabei ging es natürlich in erster Linie darum, wann ein Kind bewusst vor Gott schuldig wird.


    Ich halte 9 Jahre für ein gutes Alter, natürlich mit Abstrichen. Niemals kann ein Kind nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt werden. Aber wenn sie mit 9 Jahren einen auf dem Schulhof die Nase blutig schlugen, wussten sie, dass es falsch war. Als meine 9-Jährigen einen Schüler in den Klassenschrank sperrten, wussten sie, dass ich ihn als Schwänzer ins Klassenbuch eintragen und tadeln würde. J. wusste, dass es falsch war, in der großen Pause abzuhauen und nach Haus zu gehen, hatte ein schlechtes Gewissen, wenn ein Lehrer ihn mal wieder aus dem Bus holte u.s.w.


    Wenn stimmt, was PAZ und BZ schreiben, war der Mord von den beiden länger geplant. Auch der 13-Jährige muss gewusst haben, dass es falsch ist, Hass auszuleben. Hilfe in der Psychiatrie ist wichtig, aber ganz ungeschoren sollte er nicht davon kommen, Toiletten putzen....Ein Kollege ließ die 13-Jährigen Rabauken nachmittags Unkraut im Schulgarten jäten. Das fand ich gut. Auch Abfälle aufsammeln auf dem Schulhof kann die Konsequenz sein, wenn ein 9- Jähriger jemanden schubst und der fällt.

  • ...Ein Kollege ließ die 13-Jährigen Rabauken nachmittags Unkraut im Schulgarten jäten. Das fand ich gut. Auch Abfälle aufsammeln auf dem Schulhof kann die Konsequenz sein, wenn ein 9- Jähriger jemanden schubst und der fällt.


    So eine Art und Weise kennen wir doch aus totalitären Regimen. Früher nannte man sowas Arbeitslager!

  • 14 ist eigentlich ein gutes Alter, aber wenn man es auf 12 reduzieren will, muss man auch das allgemeine Wahlrecht auf 16 senken.

    "Ihr Menschen seid schwach und zerbrechlich! Wenn Euer Magen spricht, dann vergesst Ihr Euer Hirn!
    Und wenn Euer Hirn spricht, dann vergesst Ihr Euer Herz! Und wenn Euer Herz spricht, dann vergesst Ihr alles!"

  • Zitat Gera: "Ein Kollege ließ die 13-Jährigen Rabauken nachmittags Unkraut im Schulgarten jäten. Das fand ich gut. Auch Abfälle aufsammeln auf dem Schulhof kann die Konsequenz sein, wenn ein 9- Jähriger jemanden schubst und der fällt."


    Ich habe etliche Jahre lang eine Schule geputzt, eine durchaus schwer Arbeit und oftmals sehr unangenehm. Ich musste mich oft als Putzfrau beschimpfen lassen, selbst die Zweitklässler schmissen teilweise Müll vor meine Füße. In einer Klasse wurden die Dienste nicht erledigt, die Kinder weigerten sich der Lehrerin Folge zu leisten, mit dem Erfolg, dass dies lange an mir hängen blieb. Solange, bis besprochen wurde, dass diese Klasse zunächst gar nicht mehr gereinigt wurde. Man kann dies als harmlosen Schülerstreich abtun und ich bin weit davon entfernt, die Kinder hart zu bestrafen. Aber: die Konsequenz aus dem Handeln war eine dreckige Klasse. Ich brauche nicht zu sagen, dass sich Eltern beklagt haben über den Zustand der Klasse. Allerdings begannen die Kinder nach und nach die Dienste wieder zu übernehmen. Danach war in dieser Klasse dieses Problem behoben.


    Gut, denn Handlungen ziehen Konsequenzen nach sich - alle Handlungen. Grenzenlose Kinder werden grenzenlos. Wir sprechen hier nicht von unbilligen Dingen, sondern z.B. davon, dass auf eine "Tat" eine direkte, angemessene und nachvollziehbare Konsequenz folgen sollte. Beispiel: eine Jugendliche, die ich betreute schmiss mehrere Bonbonpapiere achtlos auf den Boden, wenige Meter weiter stand der Papierkorb. Sie war der Meinung, sie müsse das nicht aufheben, es gäbe dafür ja immer Leute, die das sauber machen. Konsequenz: ich ließ die Gruppe (damals arbeitete ich in einem Heim) nicht in den Bulli einsteigen, bis sie das Papier aufhob und in den Mülleimer brachte. Da die Gruppe sich dann beklage bei ihr, dass nun Alle leiden müssten kam sie ins Nachdenken und hob das Papier auf. Später und alleine mit ihr habe ich das Ganze nochmals reflektiert. Sie erzählte, dass es ganz normal sei, dass sie nach einem MC Donalds Besuch mit der Mutter den Müll aus dem Autofenster werfen.


    Ich glaube auch, dass eine Herabsetzung der Strafmündigkeit gerechtfertigt sein könnte. Unter Beachtung aller dafür notwendigen Dinge, wie z.B. Entwicklung der Person, kognitive Leistungsfähigkeit und noch Vieles mehr.


    Aber: eines muss dazu ganz klar geäußert werden: was ebenso unter die Lupe genommen werden sollte ist die Erziehungsfähigkeit der Eltern und das Umfeld der beteiligten Kinder. Hier ist ebenso Hilfe notwendig. Nicht nur die Bestrafung der Kinder sollte im Fokus stehen!

  • Ich musste mich oft als Putzfrau beschimpfen lassen, selbst die Zweitklässler schmissen teilweise Müll vor meine Füße.

    Aufheben und zurückwerfen, ins Gesicht.

    "Ihr Menschen seid schwach und zerbrechlich! Wenn Euer Magen spricht, dann vergesst Ihr Euer Hirn!
    Und wenn Euer Hirn spricht, dann vergesst Ihr Euer Herz! Und wenn Euer Herz spricht, dann vergesst Ihr alles!"

  • Bille,


    du formulierst es super: Handeln hat Konsequenzen und das begreifen auch Kinder. Ihr habt das gut geregelt mit der Klasse.


    Natürlich muss das Umfeld berücksichtigt werden. Salzgitter Fredenberg, wo der Mord geschah, hat einen sehr negativen Ruf und ist bekannt für Strafdelikte. Ich bin froh, dass wir nicht dort wohnen müssen. Dennoch hoffe ich, es gelingt, dem 13-Jährigen klar zu machen, wie traurig er die Eltern machte, das Mädchen hätte ein schönes Leben vor sich gehabt, die Klassenkameraden leiden. Vielleicht sieht er sein Unrecht irgendwann ein.

  • Zitat von Bille1966

    Sie erzählte, dass es ganz normal sei, dass sie nach einem MC Donalds Besuch mit der Mutter den Müll aus dem Autofenster werfen.

    Problem erkannt...


    Zitat von Bille1966

    Aber: eines muss dazu ganz klar geäußert werden: was ebenso unter die Lupe genommen werden sollte ist die Erziehungsfähigkeit der Eltern und das Umfeld der beteiligten Kinder. Hier ist ebenso Hilfe notwendig. Nicht nur die Bestrafung der Kinder sollte im Fokus stehen!

    Problem gebannt!


    Natürlich kann man nicht jede Art von Fehlverhalten auf eine ungenügende Erziehung zurückführen. Mache Kinder und Jugendliche entwickeln trotz best möglicher Fürsorge der Eltern schlechte Eigenschaften. Aber die Erziehungsfähigkeit der Eltern zu untersuchen und Hilfe anzubieten ist sicherlich notwendig. Allerdings muss diese Hilfe dann auch angenommen werden. Das sagt sich so leicht, aber ich weiß natürlich wieviel Zeit und Kraft dies von allen Beteiligten erfordert.


    Grundsätzlich halte ich es für sehr schwierig eine allgemeine, physische Altersgrenze bei der Strafmündigkeit zu ziehen. Da wird es immer Fälle geben, wo man anders hätte entscheiden müssen. Wer in der letzten Woche seines 14. Lebensjahres steht, wird sein Denken nicht innerhalb von 7 Tagen grundlegend ändern. Aber sobald er 14 ist, hat das gleiche Handeln andere Konsequenzen...


    Letztendlich haben sich die beiden selbst bestraft. Sie müssen mit dieser Schande ihr Leben leben und Verdrängung und Rechtfertigungsversuche werden sie ihr Leben lang begleiten.

  • Letztendlich haben sich die beiden selbst bestraft. Sie müssen mit dieser Schande ihr Leben leben und Verdrängung und Rechtfertigungsversuche werden sie ihr Leben lang begleiten.

    Exakt so ist es.

    "Ihr Menschen seid schwach und zerbrechlich! Wenn Euer Magen spricht, dann vergesst Ihr Euer Hirn!
    Und wenn Euer Hirn spricht, dann vergesst Ihr Euer Herz! Und wenn Euer Herz spricht, dann vergesst Ihr alles!"

  • Wie gut, dass ich heute als Spfh tätig bin.... in ähnlich gelagerten Familiensystemen....

    Nicht alle nehmen die Hilfe an, manche wollen nicht, manche können nicht und Viele tun es doch und: wer bin ich, dass ich urteile, verachte und auf etwas herumreite. Ich öffne Türen, hindurchschreiten müssen die Menschen dann selbst, auch die Konsequenz tragen aus dem entweder-oder.

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